2015 warf Fragen auf – 2016 muss Antworten bringen

Das Jahr 2015 wird in Erinnerung bleiben. Nur in welcher ist noch nicht klar. Meist fällt es mir leicht, zu Sylvester Bilanz zu ziehen. Das ist diesmal anders. Zählbares gab es nicht viel, aber viel wurde gesät und es ist unklar, was daraus erwächst. Es kann Gutes sein, Ungutes, oder beides zugleich. Unser Urteil werden wir diesmal erst viel später fällen können.

Drei Dinge möchte ich dennoch herausheben:

  • Mit Helmut Schmidt starb der letzte verbliebene deutsche Staatsmann (Ausnahme vielleicht Hans Dietrich Genscher). Seine herausragende Bedeutung sagt alles über die, die nach ihm kamen, ganz besonders über die, die jetzt unsere Geschicke bestimmen. Für 2016 erhoffe ich, dass neue Menschen vom Format eines Schmidt gesellschaftliche Verantwortung übernehmen.
  • Deutschland hat eine demokratische Krise. Der öffentliche Diskurs war im Vergleich nie stark ausgeprägt, die Rolle des Bundestag als zentraler Ort der Disputation der gesellschaftlichen Themen ist seit der Kanzlerschaft  Kohls im Niedergang begriffen und die EU beantwortet mit beängstigender Dynamik Probleme, die durch ihre Institutionen erst geschaffen wurden mit einer immer stärkeren, fragwürdig legitmierten Kompetenzanhäufung. Die Euro- und nun die Syrienkrise übersteigen in ihrer Komplexität längst das Begriffsvermögen auch der Schlaueren im Lande. Und der Deutsche grummelt, hat aber aus schwer fassbaren Gründen Angst, öffentlich Zweifel, Kritik, Bedenken zu äußern, um damit eine offene Abwägung der Argumente zu erzwingen. Denn die findet nicht statt. Auf „alternativlos“ folgte „wir schaffen das“ und schließlich „Deutschland ist stark“. Von Staatenlenkern sind schwierige Entscheidungen, Führungsstärke und Visionäres zu erwarten, doch begründet muss es sein – und werden! Für 2016 erhoffe ich, dass wir Mut zum Disput finden, verstanden als den Wettbewerb um die besten Argumente. Und dass wir überhaupt erfahren, w i e die zweifelsohne großen Herausforderungen gemeistert werden soll
  • In der Weltpolitik haben sich einige unmögliche Koalitionen ergeben. Russland mit „dem Westen“ gegen den IS, teils mit, teils gegen Baschar Al Assad. Iran und die USA, ohne wesentliche Einbeziehung Israels. Saudi-Arabien mit einer Phalanx sunnitisch-arabischer Staaten gegen den Terrorismus. Diese neue Unübersichtlichkeit macht schwindelig. Es kann Gutes dabei herauskommen, aber das Gebräu kann genausogut in eine unheilvolle Mischung kippen. Für 2016 erhoffe ich, dass aus all den Zweckbündnissen der (Wider)Willigen dauerhafte Kooperationen der Vernunft werden.

All das, und noch einiges mehr, wird Einfluss auf uns haben, persönlich und geschäftlich, ob wir wollen oder nicht. Also bereiten wir uns zumindest darauf vor – oder überlegen wir, wie wir aus der Zuschauer- in eine aktive Rolle hineinkommen können.Es reicht doch aus, dass wir demnächst nur noch Passagiere in unseren Autos sein werden. Denn, ist das Glück nicht mit den Mutigen?

In jedem Fall wünsche ich Ihnen und uns allen ein frohes Neues Jahr – möge es ein besonders glückliches und erfolgreiches werden!

PS: Schreiben Sie mir gern, wie Ihr Jahresrückblick 2015 und wie Ihr Ausblick 2016 aussieht.

Crockett und Tsipras in: Geld her, oder ich schieße

Aus den 80ern ist mir Miami Vice wegen einer Szene in Erinnerung geblieben:
Detective Sonny Crockett steht einem Gangster gegenüber, der hinter einer – natürlich umgemein attraktiven, weiblichen – Geisel steht und ihr die Wumme an den Kopf hält.
Alle anderen (Film) Cops bis dahin kannten in der Situation nur eins: aufgeben, ihre Pistole auf den Boden legen und gegen jeden gesunden Menschenverstand hoffen, der Böse findet noch seinen guten Kern.
So blöd ist der natürlich nie, sondern er grinst, erschießt den Cop, vergnügt sich mit der Geisel und meuchelt dann auch diese.
Sonny Crockett aber drückte ab.
Heute haben wir eine noch verrücktere Szene. Kennen Sie das Handelsblatt-Cover vom 03.07.2015? Alexis Tsipras nimmt sich selbst als Geisel, Pistole an der Schläfe: „Geld her, oder ich schiesse!“
In der Grexit-Farce mit Tsipras geht es nur noch um den „scharzen Peter“. Crockett würde ihn nehmen.

Der Klügere gibt nach, bis er der Dumme ist – Griechenland und D

Wenn ich zu jeder Gelegenheit, bei der ich mich in den vergangenen Monaten und Jahren über griechische Regierungen geärgert habe, einen Artikel verfasst hätte, wäre hier kein Blog, sondern eine „Bibel“ entstanden. Speziell für das, was Tsipras & Konsorten seit Amtsantritt geboten haben, wäre „bodenlose Unverschämtheit“ noch geschmeichelt. Ein passendes Wort will mir nicht einfallen, es muss noch erfunden werden. Alles, was in gerade in dieser Zeit an Zugeständnissen und gutem Willen gen Griechenland gesandt hat, ist verschwunden in einem schwarzen Loch.

Deshalb gilt immer und erst recht für Griechenland, encore une fois, lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Grexit: ja, bitte. Beendet bitte die Farce. Sprecht Klartext. Helft Griechenland beim Aufbau einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft, einer effizienten Verwaltung und eines effektiven Steuersystems. Der Ursache für die Krise sind schließlich nicht irgendwelche bösen Mächte, sondern das jahrzehntelange Fehlen von genau diesen drei, ganz deutlich: kein funktionierendes Geschäftsmodell, ewig lange und intransparente Verwaltungsprozesse und ein extrem ungerechtes und leistungsfeindliches Abgaben- und Steuersystem.

Wenn die eine Seite zu stark, zu laut und zu dreist wird, dann muss die andere Seite entsprechend schwach sein. Kommen wir also zur EU, zum Kommissionspräsident Juncker, zum Präsidenten Hollande und vor allem zu Bundeskanzlerin Angela Merkel. Ganz offenbar hatten alle drei keine ökonomische Leitlinie, die sie hätte Kurs halten lassen. (Der NSA und Wikileaks sei Dank haben wir das inzwischen schwarz auf weiß.) Ohne Kiel und starkes Ruder haben sie sich von Griechenland treiben lassen, haben zwar rote Linien in den Sand gezeichnet, aber immer im Bereich der Brandung, so dass die nächste griechische Welle sie einfach davon spülte.

Längst ist nun die verballhornte Redensart: „Der Klügere gibt so lange nach, bis er der Dumme ist“ Realität geworden. Während die Griechen nun urdemokratisch darüber abstimmen dürfen, ob sie weiter vom Geld anderer leben wollen, ohne dies in auch nur entfernt absehbarer selbst erwirtschaften oder gar zurückzahlen zu können oder ob sie auf die harte Tour auf Entzug gehen wollen, schauen alle anderen Bürger der Euro- und Kreditgeberländer dumm und doof dabei zu. Ist es nicht herrlich, über das Geld anderer befinden zu können, und das auch noch demokratisch ebenso legal wie legitimiert? Dem einzelnen Griechen ist da kein Vorwurf zu machen, psychologisch ist das ja einfachst nachzuvollziehen.

Nur warum ist da – hüben wie drüben – kein Staatsmann (oder von mir aus keine Staatsfrau), der Tacheles redet? Der den Griechen gibt, was den Griechen ist und den Gläubigern, was den Gläubigern ist. Der klar sagt: „Ihr müsst nicht tun, was andere von Euch wollen, aber dann verlangt auch kein Geld. Wenn Ihr den Euro unbedingt wollt, in den Ihr Euch durch Betrug geschlichen habt, dann müsst ihr die Bedingungen eben im Nachhinein erfüllen. Und wenn ihr diese Bedingungen nicht erfüllen wollt, dann verzichtet auch auf den Euro.“

Das Prinzip ist eine altes, man kann seine Linien zurückziehen bis zur Magna Charta und zur US-amerikanischen Unabhängigkeit: „No taxation without representation“. Wenn wir bezahlen sollen, wollen wir mitreden. Wenn wir nicht mitreden sollen, bezahlen wir auch nicht. Fair enough! Keine Erpressung, sondern Wahlfreiheit.

Angela Merkel hat in dieser Frage – wie so oft – leider nur als Politikerin gehandelt, hin- und herlaviert, taktiert, aber keine Linie gezeigt. Die Führung, die ihr gern angedichtet wird, hat sie nicht übernommen, sondern sie fällt ihr zu, da die anderen (s. Hollande und Juncker) noch schwächer sind und die Briten eh auf einem vollkommen anderen Dampfer fahren.

Wenn Griechenland jetzt stehenden Fusses pleite ist, seine Regierungbande per Referendum stützt, diverse Fristen lange abgelaufen sind und zig Milliarden im Falle des Staatsbankrotts abgeschrieben werden müssen. Was dann? Wenn einer einmal aufrechnet, wie viel besser Griechenland, die Euroländer und wir Deutsche, ja, wir Deutsche, uns politisch und finanziell gestanden hätten, wenn dieser unvermeidlich Schnitt zur rechten Zeit gemacht worden wäre? Welche Konsequenzen zieht unsere Regierung dann? Schwört ein Kanzler nicht, Schaden von seinem Volk abzuwenden? Wohlgemerkt, gemeint ist das deutsche!

Angela Merkel hat gesagt: „Scheitert der Euro, scheitert Europa“. Für ihre Verhältnisse ungewöhnlich griffig, aber falsch. Zu Europa gehört unter anderem Russland, und Putin freut das Ganze eher. Gemeint war wohl die EU, aber wohlweislich sind längst nicht alle EU-Mitglieder im Euro – s. Großbritannien. Sofern Italiener, Portugiesen, Spanier und Franzosen jetzt nicht auf falsche Gedanken kommen, was nach dem heutigen Referendum passieren könnte, scheitert nicht einmal der Euro. Wenn Griechenland jetzt allerdings finalment zum Rohrkrepierer wird, dann scheitert vielleicht nur eine Person: Angela Merkel.

Ursula von der Leyen wird`s freuen …

Fazit: Was mit Griechenland jetzt auch immer passiert, watt fott is, is fott, da kann man nix maake, letztendlich isset immer noch jot jejange, Schwamm drübber.

Die Paläontologie des Fussballs

 

Warum fallen sich die wildfremde Menschen beim Rudel Gucken jubelnd in die Arme, wenn ein Dutzend Fußballmillionäre in einem fernen Winkel der Welt das Runde in das Eckige gejagt haben?

Warum versammelt sich die gesamte Nachbarschaft bei dem mit dem größten Fernseher, warum werden ganze Rinderherden gegrillt und immer tüchtig mit literweise Bier begossen?

Warum zelebriert der moderne Mensch, bis eben noch in Anzug und Krawatte gezwängt, nun – fernab vom Karneval – närrisch in meist um die Körpermitte spackenden Fussballtrikots und Nationalfarben auf den Wangen schreiend, jubelnd, weinend diese Rituale?

Weil es tief in unseren Genen liegt.

In den Zeiten, auf die unser Urverhalten, unsere Rituale und Emotionen zurückgeht, war der Erfolg der in den Kampf entsandten Männer nicht weniger als die Entscheidung über Wohl oder Wehe. Ja, eine Frage von Leben und Tod.

Größere Städte gab es noch kaum, Staaten gar nicht, die meisten Menschen lebten in kleinen Dörfern oder Stämmen zusammen. Ständig gab es Scharmützel, Kämpfe und Kriege zwischen ganzen Völkern, wenn der Lebensraum für die einen knapp wurde.

Was geschah am Vorabend zu so einer Schlacht? Die Recken, die in den Kampf für ihren Stamm zogen wurden gehegt und gepflegt. Ihnen zu Ehren wurden Tiere geschlachtet und über dem Feuer geröstet, an nichts sollte es denen fehlen, die den nächsten Abend möglicherweise nicht erleben würden.

Und dann ging es los. Mit Fahnen, lauten Pfeifen und Trommeln, Geschrei und martialischem Schmuck ging es auf das Schlachtfeld, um den Gegner möglichst schon vor dem ersten Schwertstreich zu verängstigen. Aus der Ferne beobachtete man dann, wie die Gegner aufeinander trafen.

Die Sieger konnten im besten Fall alle Besitztümer ihrer Feinde übernehmen, das Volk versklaven, reich werden und wachsen. Für die Verlierer begannen Jahre der Dunkelheit, wenn nicht sogar der Untergang.

Was ist so anders beim heutigen Fußball? Die Aufeinandertreffen unserer Recken werden begleitet, als gebe es nichts Wichtigeres. Wir fiebern mit, springen auf, wenn wir(!) Tore schießen, brüllen und fluchen, wenn das Blatt sich zu wenden droht, sind bewegt vor Glück, wenn wir als Sieger vom Felde schreiten. Das Feier, Grillen, Saufen ist da, die Heldenverehrung und Vergötterung auch. Ja, die Bundesrepublik leistet sich gar seit Jahrzehnten wieder einen Kaiser.

Anders als in früheren Zeiten ist nur, dass wir am nächsten Tag, schwer unausgeschlafen und vielleicht gar verkatert zwar, uns wieder zu Arbeit schleifen. Niemand wird unser Haus plündern, Weib und Kinder rauben und die abgeschlagenen Köpfe der Männer zur Mahnung auf Stecken vors Stadttor setzen.

Abgesehen von der Erkenntnis unseres atavistischen Verhaltens, was können wir lernen?

Nun, so aufgeklärt, gebildet und intelligent wir auch sind, offenbar schlagen diese Urtriebe bei nahezu jedem durch. Wer wird nicht doch gepackt, nach Spielen wie gegen Frankreich (eh schon seit Jahrhunderten ein Lieblingsgegner …) und Brasilien?

Auf Staatenebene sind größere Ideen nicht ohne Gemeinsinn und Begeisterung zu schaffen. Nationalsportarten wie Fußball haben dabei gerade in Schwellenländern und in der Dritten Welt eine nochmals größere Bedeutung als in saturierten Industriestaaten. Dort hängt Wohl und Wehe vom Erfolg der Nationalmannschaft ab. Auch wir Deutsche können uns von diesen Effekten nicht frei sprechen, gerade die erste Weltmeistertitel 1954 brachte eine Aufbruchstimmung, deren Wirkung für das daniederliegende Deutschland kaum überschätzt werden kann.

Ein solcher Ruck könnte jetzt auch gut durch die EU gehen, lange werden Deutschland, die Skandinavier und die Niederlande nicht allein die Gemeinschaft durchschleppen können. Allein mit dem Verweis, dass es zwischen den heutigen EU-Staaten seit rund 70 Jahren keinen Krieg mehr gab, lässt sich kein Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Ob ein Non-Event überhaupt zur Motivation taugt, ist ohnehin äußerst fraglich. Ein gemeinsames Projekt, das (mehr) Wachstum und Wohlstand für alle verheißt, das wäre ein Ansatz.

Und auf Unternehmenesebene gilt gleiches. Manager, die meinen mit Professionalität allein wären Höchstleistungen zu erzielen, jeder brächte seine optimale Leistung, weil er ja gut bezahlt sei, gibt es noch zu genüge. Kein Wunder, wenn gerade diesen jeder Sinn dafür abgeht, eine Vision zu vermitteln, die alle mitreißt. So wie das unbedingte Ziel, Weltmeister zu werden. Egal in welcher Disziplin oder auf welchem Markt.

 

Public Viewing

Public Viewing bedeutet: öffentliche Aufbahrung.

Möge es die Albiceleste treffen.

Deren Kapitän Messi heisst. Englisch für schlampig, dreckig, unordentlich.

PS: Ähnlich herrlich wie Handy, Englisch für praktisch, handlich …

Politik ist erratisch-programmatisches Handeln wider besseres Wissen

Politik ist erratisch-programmatisches Handeln wider besseres Wissen.

Alles klar? Nein? Gut! Ein hoffungsvolles Zeichen, dass bei Ihnen noch alles seelisch und intellektuell gesund ist. Nur was will uns dieser Satz oben sagen? Nun, lösen wir es der Reihe nach auf und führen dann einen Beweis an.

Erratisch: laut Duden schlingernd, nicht auf Kurs, nicht stringent, auf Irrwegen

Programmatisch: Etwas Wegweisendes vorhaben, und dieses dann verfolgen, koste es, was es wolle

Handeln: In der Politik bedeutet Handeln, anders als im wirklichen Leben, nicht, etwas tatsächlich zu tun, sondern in kleinen Zirkeln etwas zu verabreden, es anschließend im Parlament zu verkünden um dann ein Gesetz daraus werden zu lassen, was gern wahlweise gegen die Verfassung oder das EU-Recht verstösst

Wissen: Die Kenntnis erhärteter Fakten, liegt in der Politik nur auf der Fachebene der Ministerialbeamten vor, für Politiker eher schädlich, vor allem im Falle von Untersuchungsausschüssen

So richtig deutlich wird es aber nun mit unserem aktuellen Beispiel: Versprochen!

Da die CSU bei der letzten Wahl ziemlich enttäuschte, durfte sie als wichtigsten Posten nur das Verkehrsministerium übernehmen. Wichtigstes bayrisches Anliegen war nicht etwa die Sanierung der teils recht maroden Verkehrsinfrastruktur, sondern die publikumswirksame Einführung einer Autobahn-Maut, damit die Holländer mit ihren Anhängern endlich bei uns auch zahlen müssen. Voilà: Da hätten wir die Programmatik.

Besagte Maut boxt unser CSU-Verkehrsminister Dobrindt nun also mit der Brechstange durch. Dabei hat er aber zwei verflixt miteinander verwobene Probleme. Die Maut soll den Deutschen keine zusätzliche Mark kosten. Also muss Dobrindt irgendeine Belastung für den deutschen Autofahrer in der Höhe verringern, in der die Maut erhoben wird.

Hier bietet sich die Senkung KFZ-Steuer an. Nur, sagen wir, die Maut wäre bei 100 Euro, dann würden gerade die Halter besonders schadstoffarmer Autos mit einer KFZ-Steuer von 80 Euro draufzahlen. Nicht viel, aber möglicherweise ungerecht, und Gerechtigkeit geht derzeit argumentatorisch gut in Berlin.

Also könnte die Maut doch nach dem Schadstoffausstoss des jeweiligen Autos gestaffelt werden. Klingt grün und gut. Aber: wie will man all die ausländischen Wagen, die vielleicht nur für eine Urlaubsfahrt durch Deutschland fahren, richtig einstufen? Und wäre eine Maut von 100 Euro bei dem entsprechenden Prüf- und Verwaltungsaufwand noch kostendeckend?

Merken Sie, wie es erratisch wird? Doch es kommt noch viel besser: Die gleichzeitige Erhebung einer Maut und eine Entlastung der deutschen Autofahrer, etwa durch die Senkung der KFZ-Steuer stellt eine in der EU unerlaubte Subvention dar und verstößt klar gegen das Europarecht. (Das weiß seit Jahren jeder, der sich mit der Sache beschäftigt, das weiß die CSU in Bayern, ja, das wusste sogar schon Matthias Wissmann als Verkehrsminister der Regierung Kohl.)

Was man nun freilich machen könnte, wäre zunächst die KFZ-Steuer zu senken und dann später, wie zufällig, die Maut einführen. Oder umgekehrt. Sobald kein Sachzusammenhang mehr zwischen Steuersenkung und Mauterhebung besteht, wäre die Sache vermutlich europarechtlich OK.

Das Dumme nur: so wäre es dem deutschen Michel noch schwerer vermittelbar, und vor allem: Die Katze ist doch schon längst aus dem Sack. Über die Brüsseler Bürokratie lässt sich sicherlich viel sagen, dass sie vollkommen verblödet wären, allerdings nicht.

Da steht unser CSU-Bundesverkehrsminister also nun und kämpft einen Kampf, den er besser nie begonnen oder wenigstens so schnell wie möglich begraben hätte, und nun, nach menschlichem Ermessen, nur verlieren kann. Doch weil es die CSU-Programmatik und die Logik der Koalitionspolitik so vorgibt, hält er an dem Vorhaben fest und sucht erratisch nach Lösungen, wider besseres Wissen.

Der russische Botschafter

In aller Kürze für politisch und wirtschaftsethisch Interessierte: ein herrlicher Artikel in der FAZ über Philipp Mißfelder, dem Mann, der vom Amerika-Koordinator zum Mann der „Liebesgrüße nach Moskau“ wechselte.

Und der  neben seinem Bundestagsmandat offenbar recht viel Geld für intransparent und scheinbar recht wenig Arbeit verdient. Aber was erzähl ich, steht ja alles hier in der FAZ:

http://www.faz.net/aktuell/politik/philipp-missfelder-ein-mann-will-nach-osten-13015861-p4.html

(Zur Not: Philipp Mißfelder und „The Russian Ambassador“ googeln. Ja, Philipp Mißfelder, das ist der, der 85jährigen keine neue Hüfte mehr gönnte und auf Gerhard Schröders Geburtstagssause bei Putin feierte, während in der Ukraine noch deutsche OECD-Beobachter entführt waren).

Provokation

Mal ehrlich, wer kennt das nicht? Wir erhalten einen Rat, wissen irgendwo genau, dass richtig ist, was uns gesagt wird, eigentlich ist es uns schon lange klar. Und machen es dann doch nicht. Nein, erstaunlich oft tun wir oft sogar das genaue Gegenteil.

Warum ist das so? Für unser Selbstbewusstsein, unser Selbstbild, unsere Selbstbehauptung ist es entscheidend, uns unabhängig zu entscheiden. Tun wir, was uns ein anderer sagt, mag er recht haben wie er will, folgen wir einem fremden Willen. So erscheint es uns zumindest, und gegen diesen Verdacht wehren wir uns, koste was es wolle.

Ziemlich verrückt und vertrackt? Nur, wie anders ist das Phänomen zu verstehen, dass Ratgeber, Trainer und Coachs nur allzu gut kennen: ein guter Rat kann noch so durchdacht, präzise, dringlich und einfühlsam gegeben worden sein – über die Chancen für die Umsetzung bedeutet das oft so gut wie nichts. Ziemlich frustrierend.

So überraschend, kontraintuitiv und verwirrend es für den Ratgeber sein mag: Ins uns sitzt die Lust, wider den Stachel zu löcken. Das nutzt der Provokateur. Er fordert das Falsche, getan wird das Richtige!

Zugegeben, ein Problem gibt es: Erkennt der Ratsuchende nicht die gute Absicht, ist die Mission erfüllt und die Beziehung ruiniert. Aber alles hat eben seinen Preis.

Probieren Sie es aus! Will etwa jemand aus Ihrem Bekanntenkreis abnehmen oder aufhören zu rauchen, wetten Sie, dass Sie es nicht klappt. Sie werden sich wundern!

Widerspricht dies Ihrer Ethik, Ihrer Professionalität und Ihrem Coaching-Verständnis. Dann lassen Sie es. Sie sollten es noch nicht einmal probieren. Es kann nur schiefgehen!

Schließlich: Einem anderen zu helfen ist das Risiko auf keinen Fall wert, es sich mit ihm verscherzen.

Serendipity

Serendipity ist das Hohelied der Entspannung. Nur wer die Erholung findet, mal links, mal rechts und zurück schaut, fünfe gerade sein lässt, kann zu großen Entdeckungen, Erkenntnissen und Erfolgen kommen.

Müßiggang ist nicht aller Laster Anfang. Wer arbeitet um der Arbeit willen, sich blindwütig in sie hineinfrisst, verschleißt nur sich und andere bei stark abnehmenden Wirkungsgrad.

Ganz verwandt zum Serendipity-Prinzip ist das Steve Jobs Zitat, mit dem er erklärte, dass alles das, was er vor Apple aus Freude, ohne zunächst erkennbaren Nutzen getan hatte, später genau den Erfolg ausmachte:

„Du kannst die Punkte nicht verbinden, wenn Du nach vorne blickst. Du kannst die Punkte nur verbinden, wenn Du zurück blickst. So musst Du daran glauben, dass sich die Punkte irgendwie in der Zukunft verbinden werden.“

Serendipität ist die deutsche 1:1 Übersetzung, genauso schwer verdaulich, nur klingt es nicht so schön.

"Marketing machen" – 111 Mißverständnisse aufgeklärt 6

„Da müssen wir mal was Marketing machen“, „Marketing, brauchen wir nicht“ oder „Marketing, das ist doch der Tinnef mit Flyern, Aufklebern und Broschüren“. Das ist immer wieder zu hören von Handwerkern, Kleinunternehmen, Freiberuflern und bisweilen mittelständischen Unternehmern.

Was passiert da? Marketing wird regelmäßig gleichgesetzt mit Werbung, besser noch: Reklame. Das „mit den Fähnchen“. Dieses Missverständnis, dieser Irrglaube ist nicht nur ein semantischer Fehler, sondern hat tiefgreifend negative unternehmerische Konsequenzen.

Wer die Funktion des Marketing nicht begreift, verfügt über keine aktuelle und methodische Marktanalyse. Es fehlen Marktstrategie und Positionierung, auch eine Idee von der Marktentwicklung. Es mangelt an der Überlegung, ob das Geschäftsmodell auch morgen noch zukunftstauglich ist und ob nicht auf anderen Geschäftsfeldern als den angestammten erheblich größere Chancen zu realisieren sind.

Marketing zu machen bedeutet also den Markt zu analysieren, die Unternehmens- und Marketingstrategie zu formulieren und darauf basierend das operative Marketing zu planen, die Marketinginstrumente aufeinander abzustimmen.

Diese werden zumindest in vier Instrumente unterschieden, die „4 P“:

1. Product – welches Produkt biete ich an? Welche Eigenschaften? Welche Produktpalette?

2. Price – zu welchen Kosten, zu welchem Preis, für welche Zielgruppe, welches Budget?

3. Place – wo bieten wir das Produkt an und wie vertreiben wir es? Per Vertriebler, stationär oder im Internet? Multi- oder Omnichannel?

4. Promotion – wie wird die Kommunikationspolitik gestaltet, die Werbung und Mediaplanung?

Also macht die Werbung nur einen kleinen Teil des gesamten Marketing aus. Marketinglehrbücher haben in der Regel gut 800 Seiten, da passt eine Menge rein als nur der Teil zur Kommunikationspolitik.

Übrigens sollten noch weitere „3 P“ bedacht werden, da die meisten Unternehmen auch Dienstleistungen in ihrem Leistungspaket haben. Insgesamt sind es also „7 P“ mit denen Unternehmen sich im Wettbewerb spürbar differenzieren können:

5. People – welche Mitarbeiter stelle ich ein, wie sehen diese aus, wie sind sie qualifiziert, was wird ihnen gezahlt?

6. Physical Facilities – wie sind meine Räume, meine Einrichtungen gestalten? Wie erlebt der Kunde mein Unternehmen?

7. Processes – wie schlank, effizient und kundenorientiert sind meine Abläufe?

Achten Sie demnächst mal drauf, was genau jemand meint, wenn er von „Marketing machen“ spricht. Sie können es sich ja überlegen, ob Sie etwas sagen – insbesondere, wenn es ein Konkurrent ist …